Kontra Ferenc

FERENC KONTRA 

 

Biographie

1958 (18. Juni) in Darázs (Draz, Kroatien) geboren
1977 Abitur am Gymnasium in Pécs
1982 Diplom der Universität Szeged (Englische/Ungarische Philologie)
1982–87 Redakteur der Wochenzeitung Magyar Képes Újság in Eszék (Osijek, Kroatien)
1987–91 Mitarbeiter der Zeitschrift Új Symposion, Ujvidék (Novi Sad, Serbien)
1991-2001 Mitarbeiter, später Kulturredakteur der Tageszeitung Magyar Szó, Újvidék (Novi Sad, Serbien)
seit 2001 Stellvertretender Chefredakteur des Magyar Szó; Herausgeber der wöchentlichen Literaturbeilage Kilátó
Mitglied des ungarischen Schriftstellerverbandes

Wichtigste Preise

 

1987 Ervin Sinkó-Preis
1992 Károly Szirmai-Preis
1994 Zsigmond Móricz-Stipendium
1995 Artisjus-Stipendium
1997 Holmi-Literaturpreis für die beste Erzählung
1998 Híd-Preis
2000 Stipendium des Herrenhauses Edenkoben (Deutschland)
2001 Gewinner des Ersten Ungarischen Drama-Wettbewerbs der Vojvodina

Bibliographie

 

1984 Jelenések (Offenbarungen, Gedichte)
1986 Fehér tükrök (Weiße Spiegel, Gedichte)
1988 Drávaszögi keresztek (Drauwinkler Kreuze, Roman)
1991 Nagy a sátán birodalma (Groß ist das Reich des Satans, Erzählungen)
1993 Ősök jussán (Wie geerbt, Erzählungen)
1993 Holtak országa (Land der Toten, Erzählungen)
1993 Kalendárium (Kalendarium, Geschichten aus der Kindheit)
1995 Úgy törnek el (So zerbrechen sie, Kurzprosa))
1996 A halász fiai (Die Söhne des Fischers, Jugendroman)
1998 Gyilkosság a joghurt miatt. A bűn mint próza (Mord wegen des Joghurts. Verbrechen als Fiktion, Roman)
2002 Gimnazisták. Magyarország, elejétől fogva (Gymnasiasten. Ungarn, von Anfang an, Roman)
2002 A kastély kutyái, egy utazás fejezetei (Die Hunde vom Schloß. Kapitel einer Reise, Roman)
2003 Farkasok órája (Die Stunde der Wölfe, Roman)
2006 Wien a sínen túl (Wien jenseits der Gleise, Roman)
2007 Szélördög és más mesék (Windteufel und andere Geschichten)

 

Seine Erzählungen wurden ins Deutsche (Wolkenbruch, Vaters Erdkunde), Englische (River of No Return), Polnische (Geografia mego ojca, Zabójstwo z powodu jogurtu, Oberwanie chmury), Rumänische (Cine a injunghiat cainele in Messkirch?), Französische (La passé est terminé – Il n’y a pas d’historie) und Serbische (Svetlosna kazuistika, Nigde na svetu) übersetzt.

 

Besprochene Werke

1998 Mord wegen des Joghurts
2002 Gymnasiasten
2002 Die Hunde vom Schloß
2003 Die Stunde der Wölfe

2006 Wien jenseits der Gleise

 

 

1998 Mord wegen des Joghurts. Verbrechen als Fiktion

 

1998 Gyilkosság a joghurt miatt. A bűn mint próza
Ferenc Kontra trat zunächst mit zwei Lyrikbänden auf, bevor er sich in den späten achtziger Jahren der Prosa zuwandte. Nach mehreren Erzählbänden, einem Roman und einem Jugendbuch ist Mord wegen des Joghurts sein achter Prosaband, für den er 1998 mit dem Híd-Preis ausgezeichnet wurde. Auffallend ist zunächst die große Vielfalt der Erzählungen, sowohl in stilistischer wie in thematischer Hinsicht. Psychologisch meisterhaft und detailgenau ausgearbeitete Novellen in der Ich-Form stehen neben dialogisch gestalteten, sehr eindringlichen Kurzgeschichten, experimentelle, spielerische Prosastücke neben einem Kammerdrama. Daß der Band dennoch eine Einheit bildet, liegt am gemeinsamen Schauplatz der Erzählungen. Alle spielen in der Voivodina, jener von einer ungarischen Minderheit bewohnten Gegend im nördlichen Teil des ehemaligen Jugoslawien, in der der Autor zu Hause ist. Entstanden sind die Erzählungen in einer Zeit des Umbruchs, als der jugoslawische Vielvölkerstaat auseinandergefallen war, die Vergangenheit unaufgearbeitet in Scherben lag und die neue Zeit mit den Schrecken des Balkankrieges über die Menschen hereinbrach. Vor diesem Hintergrund entwirft Kontra ein komplexes Bild menschlichen Verhaltens unter den wechselnden Bedingungen der Geschichte.
Der Band ist in vier Zyklen unterteilt, dessen erster (Vaters Erdkunde) in die stickige Atmosphäre der Tito-Ära führt und mit großer atmosphärischer Dichte Erinnerungen an die von Ängsten und Schuldgefühlen geprägte Kindheit heraufbeschwört. Die fünf Geschichten den zweiten Teils (Wolkenbruch) spielen in der näheren Gegenwart, in der Zeit des Balkankriegs und der Vertreibungen. Teils dialogisch, teils aus der Sicht des Er-Erzählers wird hier sehr unmittelbar geschildert, wie Krieg und Gewalt das Leben der Menschen durchdringen und in ihnen neue, bis dahin nicht für vorstellbar gehaltene Reaktionen auslösen. So zeigt die Titelgeschichte Mord wegen des Joghurts wie zwei Lebenswelten aufeinanderprallen, als Kriegsflüchtlinge aus dem Süden in eine Stadt im Norden einziehen, und eine „alltägliche“ Tragödie ihren Lauf nimmt. Der Vater kommt vom Lande zu seinem erwachsenen Sohn in die Stadt. Bald spürt er die Ablehnung, die ihm von überall entgegenschlägt. Er flüchtet sich in die vertrauten Ritualen seines früheren Lebens, geht zur Schlachtbank und schleppt von dort einen bluttriefenden Rinderkopf in die Neubauwohnung seines Sohnes, um ihm etwas Gutes – nämlich einen gefüllten Rinderkopf, wie einst zu hause – zu kochen, während der Sohn, der seit langem arbeitslos und von der ausweglosen Situation zermürbt ist, einen seelischen Zusammenbruch erleidet und einen Gastwirt erschießt, weil der ihm zum Essen keinen Joghurt bringt. Geschildert werden dabei vor allem die sich hinter der Handlung verbergende, bedrückende Lebenssituation der Menschen. Der dritte Zyklus (Lichtkaustika) ist ein Spiel mit unterschiedlichen Erzählperspektiven. Die kurzen Einzeltexte tragen Titel wie Negativ, Panoramaeffekt, Kopie, Diffraktion und in jedem wird die Geschichte aus der Perspektive einer jeweils anderen Figur vorgetragen. Dabei greifen die Ereignisse spielerisch ineinander, was in einer Geschichte beginnt, wird in einer anderen aufgegriffen und weitergeführt. Mit seiner Heiterkeit bildet der Zyklus ein Gegengewicht zum tragischen Grundton des vorhergehenden Teils. Am Schluß des Bandes steht ein Vier-Personen-Stück mit dem rätselhaften Titel Grenzschlamm. Es entstand 1996 im Auftrag des Kaposvárer Csiky-Theater anläßlich des 40. Jahrestages des Ungarnaufstandes. Die Geschichte spielt in einer Regennacht im November 1956 in einem Bahnwärterhaus an der ungarisch-jugoslawischen Grenze. Zwei aus Ungarn geflohene Revolutionäre werden aufgegriffen. Während des Verhörs stellt sich heraus, daß einer von ihnen ursprünglich aus der Voivodina stammt. Dort war er 1944 als Jugendlicher einem Erschießungskommando der Partisanen entkommen und nach Ungarn geflohen. 1944 war ein schicksalhaftes Jahr für die ungarischen Minderheit in der Voivodina. Damals, nach dem zweiten Weltkrieg, waren vierzigtausend Angehörige dieser Minderheit unter Kollektivschuld gestellt und von Partisanen erschossen worden. Als der Mann in dem Grenzwächter den ehemaligen Leiter des Erschießungskommandos erkennt, ist sein Schicksal besiegelt, sein Weg zurück in die Heimat versperrt, während sein Weggefährte, ein Budapester Student, die Grenze passieren darf. Das Stück zeigt symbolisch auf, was es bedeutet, als Teil einer Minderheit zu leben

 

2002 Gymnasiasten. Ungarn, von Anfang an

 

2002 Gimnazisták. Magyarország, elejétől fogva
Vertraut mit den Schulromanen der ungarischen und der Weltliteratur, auf die immer wieder angespielt wird, schreibt Ferenc Kontra mit Gymnasiasten den Roman seiner eigenen Jugend. Schauplatz ist eine Stadt im Süden Ungarns, die Hauptfiguren sind Gymnasiasten. Als Teenager verläßt der Protagonist sein Heimatdorf in Kroatien, um im grenznahen Pécs ein ungarisches Gymnasium zu besuchen. Hier muß er sich zunächst einen Platz unter den Klassenkameraden erkämpft, und merkt dabei schnell, daß er mit seinen von zu Hause mitgebrachten Wertvorstellungen im Pécs der 1970er Jahre nicht weit kommt, weder in der Schule, noch außerhalb. Und er sieht auch, daß die Welt der Erwachsenen, auf er hier vorbereitet werden soll, voller Lügen, Halbwahrheiten und Dummheit steckt. Die beiden wichtigsten Triebfedern seines geistigen Erwachens
sind die Rockmusik und die legendären Filme jener Zeit. Beide sind ihm Symbol für die „freiere Welt des Westens“. Musiktitel werden genannt, Textzeilen zitiert. Ihnen kommt im Buch eine narrative Funktion zu, sie fungieren gleichsam als Erinnerungsorte. Das Auflebenlassen der Erinnerungen wird zum Konstruktionsprinzip des Romans, und die Geschichte des Helden folgt der Chronologie seiner inneren Wandlungen.
Gymnasiasten ist Dokument einer Ära, Bildungsroman und zugleich ein Bekenntnis zu den Schwierigkeiten des Schreibens.” (István Varga)
„Ferenc Kontra gehört zu den wenigen Autoren, die das Schreiben mit angeborenem Talent handhaben; er kann schreiben, er hat ein Gefühl für Proportionen, einen unverwechselbaren Stil und es gibt kaum eine Seite von ihm, die man nicht hätte zu Ende lesen müssen: seine Sätze greifen mit einer geschmeidigen, vertrauenerweckenden Unmittelbarkeit ineinander, sind aber dennoch luftig genug gestrickt, um jener dunklen Ironie Raum zu lassen, die unerläßlich ist, wenn man die Dinge aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus erneut betrachtet. (J. József Fekete)
„Ich schaue mir den Aufbau des Romans „Gymnasiasten“ an und habe den Eindruck, daß er sehr bewußt und massiv konstruiert ist; aber das stört mich beim Lesen nicht. Erst nach dem Lesen fiel mir dann auf, daß ich eine Konstruktion mitgelesen hatte, ein System von Orientierungspunken. Das blaue Dach der Pécser Moschee ist beispielsweise ein solcher Punkt für denjenigen, der sie vier Jahre lang von seinem Internatsfenster aus gesehen hat. Irgendwie gehörte sie in den Alltag der Internatsschüler. Diese blaue Kuppel taucht systematisch in dem Text auf, doch erst im Nachhinein bin ich darauf gekommen, daß sie die ganze Zeit da war und daß sie blau war. Und in mir bleibt das paradoxe Gefühl, daß dieser Roman schöner ist, als er ist. Dazu von bedingungsloser Ehrlichkeit: Ich glaube Kontra jedes Wort.“ (István Kemény)

 

 

2002 Die Hunde vom Schloß. Kapitel einer Reise

 

2002 A kastély kutyái. Egy utazás fejezetei
Die Hunde vom Schloß ist etwa zu gleichen Zeit entstanden wie Gymnasiasten und ließe sich lesen als ein „Roman hinter dem Roman”. Zugleich ist ein essayistisches Tagebuch jener Monate, die der Autor mit einem Stipendium in Deutschland verbrachte und der sich daran anschließenden Zeit der NATO-Bombardements, die er in Novi Sad und Topolya erlebte. Dabei geht es um Allttagserlebnisse ebenso, wie um prägende künstlerische Eindrücke, um Fragen der eigenen Identität als Schriftsteller ebenso wie um Begriffe wie Heimat und Heimatlosigkeit. In das Buch hineingeretten hat Kontra auch ein Tagebuch aus dem Herbst des Jahres 1944, das von einem 17-jähriges Mädchen geschrieben wurde, während die Front mit allen Schrecken und allem Elend des Krieges über sie hinwegzog.

 

 

2003 Die Stunde der Wölfe

 

2003 Farkasok órája
Am Anfang des Romans steht – gewissermaßen als Motto - ein Satz des bedeutenden ungarischen Schriftstellers Mihály Babits: „Ob ich Held meiner eigenen Lebensgeschichte sein werde oder diesen Posten einmal ein anderer ausfüllen wird, das muß sich zeigen – auf den hier folgenden Seiten wird die Entscheidung fallen“. In diesem Roman setzt Kontra die in den Gymnasiasten begonnen Suche nach der eigenen Identität fort. Dabei geht er auf vier Abschnitte im Leben des Protagonisten ein: die Kindheit mit Fragen nach der Familienzugehörigkeit, Vater-Sohn-Konflikten und dem Unfall des Freundes; die „Emigration” nach Australien; die Enttäuschungen nach seiner Rückkehr, die Einberufung zum Militärdienst, die in einem Militärkrankenhaus verbrachte Zeit, der Tod des Vaters und schließlich der Krieges, die Suche nach einer Zuflucht und am Ende die Entscheidung, das Land, die Heimat zu verlassen. In einem Interview bekannte Ferenc Kontra: „Nach einer gewissen Zeit – und ich glaube, die Desillusierierung setzte Anfang der neuziger Jahre ein – hatten wir genug von der Tatsache, daß die ältere Generation die ganze Arbeit schon erledigt hatte und uns nur blieben sollte, in ihre Fußstapfen zu treten. Und dann geschah etwas vollkommen Unerwartetes, die Welt drehte sich um 180 Grad, und plötzlich stellte sich heraus, daß alles völlig falsch gewesen ist und die Generation unserer Väter samt der Idealen, für die sie gestanden hatte, gescheitert war. Und noch etwas: Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg erwiesen sich auf einmal als schrecklich langweilig... es zeigte sich, daß mein eigenes Leben viel aufregender war, mehr noch, daß sich darin viel mehr lebensbedrohliche Dinge ereigneten, als in jenen, von denen man mir erzählt hatte. Und dieser Krieg (auf dem Balkan) dauerte viel länger.” So kann man nicht umhin, die drei letztgenannten Werke, die in dichter Folge nacheinander erschienen sind, als eine Trilogie zu betrachten.

 

2006 Wien jenseits der Gleise

 

2006 Wien a sínen túl
Erzählt wird die Geschichte von Ludwig Wien Landsteiner, genannt Wian, der auf der Titelseite eines Wiener Boulevardblattes von einer schrecklichen Tragödie erfährt. Als er  auf dem Foto seinen ehemaligen Schulfreund erkennt, werden Erinnerungen an die Kindheit wach, an die ehemalige Fußballmannschaft, an die Welt jenseits der Gleise, in der er aufgewachsen ist und die er glaubte, längst vergessen zu haben. Er hatte den Weg über die Gleise ins bessere Wien beschritten. Dafür hatte seine Mutter gesorgt, die als Gastarbeiterin nach Österreich gekommen war, und aus ihrem hier geborenen Sohn einen echten Wiener machen wollte. Indem Kontra Herkunft und Kindheit seines Protagonisten schildert und den Gründen der Tragödie seines Freundes nachspürt, zeichnet zugleich ein farbiges Bild der Stadt Wien und ihren unterschiedlichen Gesichter. Nach Gymnasiasten und Die Stunde der Wölfe bringt der Autor mit Wien jenseits der Gleise eine Trilogie zum Abschluß. In den drei Romanen geht es um Fragen der eigenen Identität, der Herkunft, um die Auseinandersetzung mit der Welt der Väter und nicht zuletzt um die Freundschaft, der Kontra mehr als einmal ein wunderbares Denkmal setzt. In Ungarn trug ihm das Buch den Leserpreis der Zeitschrift Elle ein.